Morphogeneseprozesse bei Pflanzen und ihre Evolution: Analyse und Modellierung
Vorträge
Morphogeneseprozesse bei Pflanzen und ihre Evolution:
Analyse und Modellierung
Dr. Jan T. Kim
Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung
Köln
Pflanzen zeichnen sich durch charakteristische morphologische Strukturen aus, die z.B. traditionell zur Artbestimmung genutzt werden. Untersuchungen der molekularen Prozesse, die der Morphogenese bei Pflanzen zugrundeliegen, haben ergeben, daß die "molekularen Architekten" der Blüte Transkriptionsfaktoren sind. Diese Faktoren und die Gene, durch die sie codiert werden, bilden ein regulatorisches Netzwerk, dessen Dynamik die Muster- und Strukturbildung bei der Entwicklung von Infloreszenzen (Blütenständen) und Blüten bestimmt.
Ein großer Teil der Gene in diesem regulatorischen Netzwerk gehört zur MADS-Box-Genfamilie.
Es werden Ergebnisse der Charakterisierung dieser Genfamilie anhand von alignments und von
Rekonstruktion von Gen-Phylogenien (Stammbäumen) zusammengefaßt, die neue Einblicke in
den evolutionären in den Hergang der Entstehung der Angiospermen (Blütenpflanzen) gestatten.
Computerbasierte Verfahren der Sequenz- und Stammbaumanalyse sind eine klassische Domäne
der Bioinformatik. Mit diesen Mitteln kann der Ablauf der Evolution rekonstruiert werden. Die
Kräfte, die den evolutionären Ablauf gestalten, können mit diesen Methoden jedoch nicht
charakterisiert werden. Diese Kräfte können durch dynamische Computermodelle biologischer
Systeme untersucht und charakterisiert werden. Dieser Ansatz gehört zu den Kernbereichen des
Artificial Life (AL). Als Vertreter solcher Modelle werden die LindEvol-Modelle der Evolution
pflanzlicher Wachstumsprogramme vorgestellt und verschiedene Untersuchungen, die auf der
Grundlage dieser Modelle durchgeführt wurden, werden präsentiert.
Zu den klassischen Themen des AL gehört die Frage nach der evolutionären Entstehung von
Komplexität. In LindEvol ist die Messung von Komplexität auf mehreren Ebenen mit relativ
einfach meßbaren Größen möglich. Anhand von Simulationsreihen mit LindEvol wurden
Beziehungen zwischen Komplexitätsphänomenen auf verschiedenen Ebenen untersucht und
Eigenschaften unterschiedlicher Maße aufgezeigt. Weitere Untersuchungen mit
LindEvol-Modellen beschäftigen sich mit der Untersuchung der Adaptation von Mutationsraten,
der Charakterisierung von Biodiversitätsmaßen und mit Wechselbeziehungen zwischen
biotisch-evolutionären und abiotischen Prozessen.
AL-Modelle wie LindEvol beschreiben Evolutionsprozesse in stark vereinfachter und hoch
abstrakter Weise. Die explizite Repräsentation einzelner Gene oder ganzer regulatorischer
Netzwerke war bis vor kurzem nicht möglich. Mit der rasanten Zunahme an verfügbaren
Sequenzdaten und der zunehmenden Leistungsfähigkeit von Computersystemen wird in Zukunft
aber eine direktere Integration von molekularbiologischer Information in dynamische Modelle
möglich. Als Prototyp für solche Systeme wird das System transsys vorgestellt, mit dem
regulatorische Netzwerke beschrieben und dynamisch modelliert werden können.
Zeit: Donnerstag, den 25. Mai 2000, 15 Uhr c.t.
Ort:
Institut für Neuro- und Bioinformatik
TZL, Seelandstr. 1a, Geb. 4
Seminarraum S OG.2

