Kognitive und Neurodynamische Mechanismen der visuellen Aufmerksamkeit
Vorträge
Kognitive und Neurodynamische Mechanismen der visuellen Aufmerksamkeit
Dr. Gustavo Deco
Siemens AG, München
In diesem Vortrag betrachten wir aus einer neurowissenschaftlichen Perspektive mikroskopische neurodynamische sowie auch kognitive systemische Aspekte und Mechanismen der visuellen Aufmerksamkeit.
Im ersten pädagogischen Teil des Vortrags behandeln wir die klassischen
Ansätze zur Erforschung der Aufmerksamkeit auf eine
makroskopische psychophysikalische Ebene und die damit
zusammenhängenden abgeleiteten klassische Modelle von Treismann
(Feature Integration Theory). Bei den weiteren experimentellen
Betrachtungen der anderen neurowissenschaftlichen Ebenen, nämlich
neurobiologische (Einzelzellableitungen) und neurophysiologische (fMRI
Eperimente), zeigen wir zusätzliche Aspekte der visuellen
Aufmerksamkeit, die eine Revision des klassischen Ansatzes erfordert.
Im zweiten wissenschaftlichen Teil des Vortrags integrieren und
modellieren wir die mikroskopischen und makroskopischen Mechanismen,
welche der visuellen Aufmerksamkeit zugrunde liegen.
Basierend auf der Hypothese der gelenkten Kompetition formulieren wir
wir ein neurokognitives Modell, welches aus mehreren, miteinander
verbundenen Populationen kortikaler Neuronen besteht. Nach der
Hypothese der gelenkten Kompetition stehen Neuronen miteinander
in einem Wettbewerb, welcher durch Aufmerksamkeit
beeinflußt werden kann.
Die Populationen des Modells sind über verschiedene Hirnstrukturen
verteilt, die verschiedenen Areale des dorsalen und ventralen
Pfades des Primatenkortex, d.h. des sogenannten "wo"- und "was"-Pfades,
zugeordnet werden können. Der "wo"-Pfad wird realisiert
durch die rekurrente Verknüpfung der für Merkmalsextrahierung
zuständigen Areale V1-V4 mit dem posterior parietalen Modul (PP),
welches sich aus neuronalen Populationen zur Kodierung der räumlichen
Position der Stimuli zusammensetzt. Der "was"-Pfad besteht
aus den wechselseitigen Verknüpfungen der Areale V1-V4 mit dem
inferotemporalen Modul (IT) mit neuronalen Populationen für die
Kodierung spezifischer Objekte.
Modulatorische Aufmerksamkeitseffekte zwischen den explizit
modellierten Modulen ergeben sich aus interarealen Kopplungen von
neuronalen Populationen dieser Module. Die Aufmerksamkeit ist
damit ein emergenter Effekt der Dynamik des kortikalen Systems. Die
Dynamik wird dabei sowohl durch den sensorischen Input als auch
durch die Einflüsse der präfrontalen Areale gesteuert.
Objekterkennung und visuelle Suche können in diesem neurodynamischen
Rahmen einheitlich und vollständig beschrieben werden.
Anwendungen im Bereich der aktiven Bildverarbeitung und der fMRI-
basierten medizinischen Diagnostik werden diskutiert.
Zeit: Mittwoch, den 30. Januar 2002, 15 Uhr c.t.
Ort:
Institut für Neuro- und Bioinformatik
TZL, Seelandstr. 1a, Geb. 4
Seminarraum S OG.2

